Das letzte Geheimnis der „V2“

Das letzte Geheimnis der
Foto: Anna Dohnal / Deutsches Museum

Expertinnen untersuchen derzeit die 14-Meter-Rakete im Deutschen Museum. Sie wollen klären, was sich unter dem weißen Anstrich verbirgt

Wer dieser Tage in der Luft- und Raumfahrthalle an der riesigen Weltkriegs-Rakete „V2“ im Deutschen Museum vorbeiläuft, wird die dort aufgebauten Untersuchungsgeräte bemerken: spezielle Kameras, Lampen, ungewöhnliche Computer. Forscherinnen sind dabei, der 14 Meter langen Rakete ihre letzten Geheimnisse zu entlocken – und die Restaurierung des Exponats vorzubereiten.

Dass die Terror-Waffe der Nazis von einer Wendeltreppe umgeben ist und nicht die ganze Luft- und Raumfahrthalle des Deutschen Museums optisch dominiert, ist kein Zufall: Die Museumsmacher wollten der schrecklichen Waffe keinen allzu großen Auftritt geben. Tausende dieser Raketen gingen im Zweiten Weltkrieg auf London und Antwerpen nieder, rund 20.000 KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter starben allein im KZ-Komplex Mittelbau-Dora, wo die Rakete unter unmenschlichen Bedingungen produziert wurde, weitere rund 8000 Menschen verloren ihr Leben durch die Einsätze der „V2“. Das Deutsche Museum zeigt die einzige in Deutschland ausgestellte, vollständige Originalrakete dieser Art.

Bei der Sanierung des Deutschen Museums stand die „V2“, von Fachleuten auch „Aggregat 4“ genannt, zwischen 2015 und 2022 fast sieben Jahre lang auf einer Baustelle. Die Rakete war zu groß, um sie während der Bauarbeiten aus dem Gebäude zu holen. In dieser Zeit kam es zu einem Wassereinbruch; an der Rakete gibt es seitdem Korrosionsspuren. „Diese Korrosion müssen wir stoppen“, sagt Andreas Hempfer, Kurator für Historische Luftfahrt und Raumfahrt. „Wie das am besten geht, ohne zu viel von der Originalsubstanz zu verlieren, versuchen wir gerade in einem Forschungsprojekt zu klären.“

„Die Rakete war schon in schlechtem Zustand, als sie 1962 ins Deutsche Museum kam“, sagt Hempfer. Und Anna Dohnal, die in ihrem Masterprojekt den Zustand der V2 als Voraussetzung für ein Restaurierungskonzept klären soll, ergänzt: „Die Konstruktion der Rakete war nicht auf Dauerhaftigkeit ausgelegt. Das merkt man dem Objekt jetzt an.“

Die Rakete hatte, bevor sie ins Museum kam, schon eine weite Reise hinter sich: Die USA hatten bei Kriegsende aus den verbliebenen V2-Raketen Teile für etwa 100 Stück über den Atlantik nach Amerika bringen lassen. Später sorgte Wernher von Braun selbst dafür, dass die „V2“ 1955 zurück nach Deutschland kam, um sie in einem in Stuttgart geplanten Raumfahrtmuseum auszustellen. Diese Pläne scheiterten, die Rakete kam schließlich ins Deutsche Museum und wurde dort 1963 zum ersten Mal gezeigt. Ebenfalls in einem Treppenhaus, allerdings an anderer Stelle im Museum. Später, zur Eröffnung der Luftfahrthalle des Museums 1984, kam sie an ihren jetzigen Platz.

Dort kartiert Anna Dohnal momentan die Schäden, die die Rakete aufweist. Sie sagt: „Die Rakete befindet sich in der Mitte eines Treppenhauses. Das macht die Arbeit ziemlich schwierig – man kommt nämlich nicht von allen Seiten an die „V2“ heran.“ Kurator Andreas Hempfer ergänzt: „Ursprünglich hatten wir gedacht, die Rakete ließe sich auf ihrem Original-Starttisch drehen – dafür ist das Treppenhaus aber zu eng.“

Seit kurzem hilft die TU München bei der Untersuchung der Rakete. „Wir haben nämlich noch viele Fragen“, sagt Andreas Hempfer. „Ist das Grün, das man unter der jetzigen weißen Lackierung sehen kann, die ursprüngliche Lackierung – oder hatte sie ursprünglich einen Tarnanstrich, der dann in den USA übermalt wurde? Oder ist sie später im Museum umlackiert worden?“

Deshalb wird die Rakete jetzt von drei Forscherinnen vom TU-Lehrstuhl für Zerstörungsfreie Prüfung mit der Methode der Thermografie untersucht – an einzelnen Stellen wird mit diesem Verfahren unter dem jetzigen weißen Anstrich nach Spuren der früheren Lackierung gesucht. Außerdem will man mit diesem Verfahren auch gleich noch herausbekommen, ob die Bestandteile der Rakete noch bei der Produktion zusammengefügt wurden und daher eine einheitliche „Seriennummer“ tragen oder das Objekt später aus Originalteilen kombiniert wurde. „Das ist entscheidend für die Restaurierung“, sagt die Restaurierungsspezialistin des Deutschen Museums, Marisa Pamplona. „Je mehr Originalsubstanz wir finden, desto mehr von der Substanz wollen und müssen wir erhalten.“

Isabelle Stüwe von der TUM erklärt das Verfahren: „Bei der Thermografie wird elektromagnetische Strahlung im Infrarotbereich, die vom Objekt reflektiert wird, untersucht.“ Mit dem Verfahren werden Bilder am Computer generiert, mit denen man quasi unter die Oberfläche der jetzigen Lackierung schauen kann.   

Die ersten Untersuchungen haben keinen Beleg für einen Tarnanstrich erbracht. Aber die Expertinnen suchen weiter – um die letzten Geheimnisse der „V2“ zu lüften. Im Anschluss beginnt dann die Restaurierung. Damit diese Waffe und mit ihr die Erinnerung an den Terror des Zweiten Weltkriegs mahnend erhalten bleibt.