Krebs-Informationstag 2019: Präzisionsmedizin – Chancen und Herausforderungen in der Behandlung von Krebs

Krebs-Informationstag 2019: Präzisionsmedizin – Chancen und Herausforderungen in der Behandlung von Krebs
Fotoquelle: Bayerische Krebsgesellschaft

Präzisionsmedizin – so heißt eine Behandlungsstrategie in der modernen Onkologie. Das Prinzip dahinter: Tumorpatienten werden individualisiert und deren Tumore möglichst präzise behandelt. Dies geschieht auf der Basis innovativer Diagnostik, anhand des molekularen Tumorprofils und mit Hilfe modernster Techniken und Medikamente. Nach dem Motto: „Für jeden Patienten die richtige Therapie zum richtigen Zeitpunkt“, hoffen Onkologen mit der Präzisionsmedizin in naher Zukunft eine deutliche Verbesserung der Behandlungsmöglichkeiten für alle Tumorerkrankungen zu erreichen. Noch ist dieses Ziel nicht in Sicht. Dennoch stellt die Präzisionsmedizin heute schon die Weichen für die zukünftige Versorgung von Krebspatienten.

Hinter dem Begriff “Präzisionsmedizin” verbirgt sich die Zukunft der Onkologie. Er beschreibt den Wunsch nach einem individuellen und damit idealen Behandlungskonzept für Patient und Tumor. Nur durch die präzise Stratifizierung wird es gelingen, Tumorerkrankungen in der Zukunft überwiegend heilbar zu machen. Dabei sind ein gut funktionierendes Zusammenspiel aller Fachdisziplinen und ein reibungsloser Wissenstransfer zwischen den beteiligten Fächern unabdingbar. Verwendet wird auch der Begriff “Präzisionsonkologie” (Präzisionsmedizin in der Onkologie). Hier geht es um die Anpassung der Behandlung an den onkologischen Patienten: Genetische oder andere biologische Charakteristika eines Tumors werden analysiert, um das Behandlungskonzept anzupassen. Im engeren Sinn werden Medikamente nach dem „Schlüssel-Schlossprinzip“ gesucht um das Tumorwachstum zu stoppen. Ein durchschlagender Erfolg mit dieser Strategie konnte für die Therapie der Leukämien erreicht werden. Im weiteren Sinn fällt unter den Begriff “Präzisionsonkologie“ auch die Vorgehensweise eine gesamte Therapiestrategie an biologische Marker anzupassen.

„In den vergangenen Jahren gab es in der Onkologie bahnbrechende Erfolge, die ohne Präzisionsonkologie nicht denkbar wären“, betont Dr. med. Benedikt Westphalen, Koordinator für klinische und translationale Forschung am CCC  München und CCC LMU – Comprehensive Cancer Center. Für den Experten ist Präzisions-onkologie ein wertvolles Werkzeug, welches eingesetzt wird um Patienten individualisiert und anhand ihres molekularen Tumorprofils zu behandeln. „Die moderne Onkologie nimmt die Zulassung von Krebsmedikamen-ten ins Visier, die Krankheitsgrenzen überschreiten und zunehmend basierend auf molekularen Markern eingesetzt werden. Ergänzt wird diese Entwicklung durch innovative Studienkonzepte, die Hypothesen überprüfen und wissenschaftliche Evidenzen schaffen“.

Präzisionsmedizin wird heute vor allem bei Krankheitsfällen angewendet, wenn vorherige Therapien nicht erfolgreich waren oder es keine Standardtherapie gibt. Das ist oft bei kleinen Patientengruppen mit seltenen Krebserkrankungen der Fall. „Für die seltenen Formen von Prostata-, Blasen- oder Nierenkrebs gibt es keine leitliniengerechte Behandlungsoptionen. Durch die Analyse spezifischer molekularer Tumorveränderungen können wir, nach ausführlicher interdisziplinärer Diskussion im „Molekularen Tumorboard“, auch diesen Patienten gezielte Therapieoptionen anbieten, die für andere Erkrankungen bereits zugelassen sind“, betont Dr. med. Jozefina Casuscelli, F.E.B.U., Oberärztin, Leiterin der Uro-Onkologischen Tagesklinik, Urologische Klinik und Poliklinik, LMU Klinikum München.

Dr. med. Rachel Würstlein, geschäftsführende Oberärztin am Brustzentrum der Frauenklinik der LMU München erläutert, wann Präzisionsmedizin auch für Patientinnen mit fortgeschrittenem Brustkrebs in Frage kommt: „Da sich das Mammakarzinom durch eher niedrige Tumormutationslast auszeichnet, ergeben sich nach der Testung im Rahmen von standardisierten Multigenpanels oft keine Mutationen oder therapierelevante Hinweise. Dies muss mit der Patientin vor der Testung besprochen werden. .. Voraussetzung für die Anwendung der molekularen Paneldiagnostik ist, dass wir alle Standardtherapien ausgeschöpft haben oder dass eine seltene Subgruppe vorliegt. Außerdem sollte die Patientin bei gutem Allgemeinzustand und mobil sein und ins Follow-Up Register einwilligen, was auch die Kooperation mit den zuweisenden Kliniken und Praxen beinhaltet“.

Professor Claus Belka, Direktor der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie, LMU Klinikum München und stellvertretender Direktor des CCC LMU – Comprehensive Cancer Center betont, dass Präzisionsonkologie im Rahmen der Hochpräzisionsstrahlentherapie bereits lange etabliert ist. „Das Zusammenspiel von perfekter geometrischer Präzision, idealtypischer Dosisverteilung, und letztlich bestmöglicher bildgeführter Strahlanwendung führt zu optimaler Anpassung der Therapie an den Patienten. Besonders wichtig ist es, Lageänderungen zu erkennen und die Strahlposition anzupassen. Verschiedene technische Lösungen stehen zur Verfügung – als technisch innovativste Lösung wird die Integration eines Kernspingerätes in die Bestrahlung eingeführt“, so der Strahlenexperte.

Trotz aller Erfolge ist die Präzisionsonkologie eine noch überwiegend experimentelle Therapieform mit neuen Risiken und Herausforderungen: „In den letzten Jahren haben wir gelernt, dass durch unerwünschte molekulare Bindungen auch unerwartete heftige Nebenwirkungen auftreten können –  wie ein sogenannter ‚Zytokinsturm‘ bei CAR T-Zelltherapien. Vor diesem Hintergrund wird klinisch das Präzisionsmanagement von Nebenwirkungen ein immer wichtigerer Teil der Präzisionsmedizin“, bekräftigt Professor Michael von Bergwelt, Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik III der LMU München.

Die interdisziplinäre Zusammenarbeit aller Fachabteilungen in sogenannten molekularen Tumorboards ist die Grundlage für eine erfolgreiche Durchführung von Präzisionsmedizin. „Die Herausforderung der Präzisionsonkologie liegt in der Interpretation der detektierten genetischen Veränderungen im Hinblick auf die biologische Funktion in der Tumorzelle und dahingehend Ableitung einer möglichen zielgerichteten Therapie. Diese Komplexität erfordert eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen onkologisch tätigen Klinikern diverser Fach-disziplinen, Humangenetikern, Biologen und Molekularpathologen an spezialisierten universitären Zentren*. Im gemeinsamen Konsens werden die Ergebnisse der molekularen Diagnostik interpretiert und unter Berücksichtigung des klinischen Gesamtbildes (Konstitution des Patienten/-in, Vortherapien usw.) eine Therapieempfehlung ausgesprochen“, erklärt Dr. med. Sabine Grill vom Zentrum für Präzisionsonkologie der CCC TUM – Comprehensive Cancer Center.

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* Derzeit gibt es in Deutschland 13 onkologische Spitzenzentren im Comprehensive Cancer Center (CCC) – Netzwerk der Deutschen Krebshilfe an den Universitätskliniken: Aachen/Bonn/Köln/Düsseldorf, Berlin, Dresden, Essen, Frankfurt a. Main, Freiburg, Hamburg, Heidelberg, Mainz, München, Tübingen/Stuttgart, Ulm und Würzburg.

Foto: V. l. n. r.: Markus Besseler (Geschäftsführer der Bayerischen Krebsgesellschaft), Dr. med. Rachel Würstlein (Geschäftsführende Oberärztin am Brustzentrum, Frauenklinik, LMU Klinikum München), Dr. med. Jozefina Casuscelli (F.E.B.U., Oberärztin, Leiterin der Uro-Onkologischen Tagesklinik, Urologische Klinik und Poliklinik, LMU Klinikum München), Prof. Dr. med. Claus Belka (Direktor der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie, LMU Klinikum München), Dr. med. Sabine Grill (Frauenklinik / Zentrum für Präzisionsonkologie, TU München – Comprehensive Cancer Center), Prof. Dr. med. Volker Heinemann (Direktor des Comprehensive Cancer Center CCC München sowie des CCCLMU – Krebszentrum, LMU Klinikum München), Prof. Dr. Dr. Michael von Bergwelt (Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik III, LMU Klinikum München), Dr. med. C. Benedikt Westphalen (Koordinator klinische/translationale Forschung, CCC München –Comprehensive Cancer Center, LMU Klinikum München)

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