Stimmen der München Klinik: Wie erleben Mitarbeitende im Krankenhaus die Pandemie?

Stimmen der München Klinik: Wie erleben Mitarbeitende im Krankenhaus die Pandemie?
Fotos: München Klinik

Die München Klinik hat im Januar die ersten Covid-19-Patienten Deutschlands und seitdem durchgehend Covid-19-Patienten versorgt. Jüngst wurde der insgesamt 1000. Covid-19-Patient in der München Klinik versorgt. Seit einigen Wochen steigen die Patientenzahlen auch in den Krankenhäusern wieder deutlich an, aktuell werden 125 Covid-19-Patienten in der München Klinik behandelt, davon 20 Patienten auf der Intensivstation. In der Hochphase wurden 200 Patienten zeitgleich in den Häusern der München Klinik behandelt – 60 davon auf Intensivstation. Die aktuellen politischen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie werden in frühestens einer Woche eine Auswirkung auf die Zahl der Infizierten haben können. Die Krankenhäuser hoffen darauf, dass eine Wirkung auch bei ihnen in Form von weniger stark steigenden Patientenzahlen ankommt. Dieser Effekt wird erst in mehreren Wochen erwartet. Zwischenzeitlich rechnen die Häuser insbesondere in besonders betroffenen Gebieten mit weiter steigenden Patientenzahlen. Auch andere Krankenhausbereiche wurden und werden von den Auswirkungen der Pandemie beeinflusst: Die Versorgung von medizinischen Notfällen und Krebspatienten musste auch in der Hochphase der ersten Welle unter höchsten Sicherheitsmaßnahmen und mit knappen Personalressourcen durchgehend aufrechterhalten werden, nicht-dringliche Eingriffe und Operationen mussten verschoben und über den Sommer nachgeholt werden. Jetzt im Herbst wechselt bei steigenden Covid-19-Patientenzahlen wieder Personal aus anderen Fachbereichen in die Pandemiebereiche und wird dafür umfassend geschult. Parallel ist auch Krankenhauspersonal im privaten Bereich von Kontaktbeschränkungen oder Kita-Schließungen betroffen.

Wie haben Ärztinnen und Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger sowie weitere Krankenhausmitarbeiter sowohl in der Covid-Versorgung als auch in der Versorgung anderer Patientengruppen und im Umgang mit Patienten und Angehörigen die Pandemie erlebt? Mit welchen Gefühlen blicken sie auf die aktuellen Entwicklungen und was soll durch die politischen Maßnahmen in den kommenden Wochen in deutschen Krankenhäusern verhindert werden? Stimmen aus der München Klinik:

Damaris Meyer, Fachkrankenpflegerin für Onkologie und palliative Pflege in der München Klinik Schwabing. Bildnachweis: München Klinik
Damaris Meyer, Fachkrankenpflegerin für Onkologie und palliative Pflege in der München Klinik Schwabing. Bildnachweis: München Klinik

Damaris Meyer, Fachkrankenpflegerin für Onkologie und palliative Pflege in der München Klinik Schwabing

„Ich arbeite in Schwabing in der hämato-onkologischen Tagesklinik. Hier betreuen wir hauptsächlich Patienten, die bei uns ihre Chemotherapie bekommen. Durch ihr Krebsleiden sind diese Patienten immungeschwächt und wir müssen sie und uns besonders gut vor Infektionen schützen. Im Frühjahr hatten wir geschlossen, da der Regelbetrieb heruntergefahren wurde. Die Patienten haben wir deshalb in Praxen weitervermittelt. Wir hoffen sehr, dass die Tagesklinik in der zweiten Welle geöffnet bleiben kann, denn für die Patienten ist es immer eine Tragik, ihren Arzt und ihren Behandlungsort wechseln zu müssen.

Von April bis Juni habe ich freiwillig auf der Covid-19-Intensivstation ausgeholfen. Natürlich bin ich keine Intensivpflegekraft, ich hatte keine Erfahrung mit Beatmung und war deshalb immer im Tandem mit einer erfahrenen Intensivkraft eingesetzt. Bei der Intensivpflege mit Beatmung muss man wirklich auf jedes Detail achten. Diese Patienten sind hochempfindlich, da dürfen auch keine kleinsten Fehler passieren. Langsam und genau arbeiten heißt hier die Devise. Das ist ein anderer Rhythmus als in meinem Alltag in der Tagesklinik, hier renne ich die ganze Zeit und habe tausend Dinge im Kopf. Das war schon eine große Umstellung. Man hat natürlich im Umgang mit der Technik Berührungsängste, aber ich bin dank der wunderbaren Kolleginnen und Kollegen gut reingekommen und es war schön, dass wir doch viele Patienten entlassen und verlegen konnten. Das heißt natürlich nicht, dass diese Menschen vollkommen gesund waren, aber sie haben die Chance auf einen Neustart ins Leben.

Aktuell arbeite ich wieder in der Tagesklinik. Unsere hämato-onkologischen Patienten leiden sehr unter der Pandemie. Es gibt viele, die gar nicht mehr außer Haus gehen, abgesehen von der Behandlung. Sie sind komplett isoliert und haben große Angst, weil sie ein viel größeres Risiko haben, an Covid-19 schwer zu erkranken oder zu sterben.

Es erschreckt mich zu sehen, wie diese zweite Welle uns in Deutschland langsam lahmlegt. Das höre ich auch von Kollegen aus anderen Krankenhäusern. Die beatmeten Patienten sind jetzt im Durchschnitt jünger, ab Mitte 40. Ich bin selbst über 50, damit in der Risikogruppe und versuche mich zu schützen, so gut es geht. Ich möchte den Menschen sagen: Bitte haltet euch an die Maßnahmen. Es ist mir egal, ob ihr an Corona glaubt oder ob ihr nicht daran glaubt. Bitte tut es für euch, eure Mitmenschen und auch für uns. Vielen Dank.“

Dr. Dennis Dietrich, Oberarzt der Klinik für Neurologie und neurologische Intensivmedizin in der München Klinik Harlaching. Bildnachweis: München Klinik.
Dr. Dennis Dietrich, Oberarzt der Klinik für Neurologie und neurologische Intensivmedizin in der München Klinik Harlaching. Bildnachweis: München Klinik.

Dr. Dennis Dietrich, Oberarzt der Klinik für Neurologie und neurologische Intensivmedizin in der München Klinik Harlaching

„Ich bin Oberarzt der Schlaganfallstation (Stroke Unit) in Harlaching. Die erste Welle war für uns eine große Herausforderung. Der Vorteil war, dass wir Vorbereitungszeit hatten und diese auch erfolgreich genutzt haben, um letztlich mit viel Anstrengung gut durch die Welle zu kommen.

Die Schlaganfallbehandlung ist immer Teamarbeit, bei der ganz viele Berufsgruppen eine Rolle spielen – wir haben hierfür gut ausgebildete Ärzte, Pflegekräfte, Logotherapeuten, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und einen guten Sozialdienst. Diese Expertise, die wir bislang genutzt haben um Schlaganfallpatienten zu helfen, ist uns auch bei der Covid-19-Behandlung sehr zugutegekommen. So haben wir es als Team geschafft, neben der Schlaganfallbehandlung zusätzlich noch eine Covid-19-Überwachungsstation mit aufzubauen und gemeinsam mit anderen Fachabteilungen zu betreiben.

Große Sorgen macht uns die zweite Welle, weil Schlaganfälle auch in der Pandemie nicht weniger werden. Dennoch haben wir zu den Hochzeiten der ersten Welle beobachtet, dass weniger Schlaganfallpatienten zu uns ins Krankenhaus gekommen sind. Das beruht wahrscheinlich darauf, dass Patienten Angst vor einer Ansteckung haben. Diese Angst ist unbegründet – wir legen extrem viel Wert darauf, Patientenströme zu trennen und behandeln auf unserer Schlaganfallstation nur negativ getestete Patienten. Ausnahmslos jeder Patient wird bei der Aufnahme getestet. Es besteht also kein relevantes Infektionsrisiko. Der Schlaganfall hingegen ist immer noch die häufigste Ursache für bleibende Behinderungen im Alltag und im Notfall muss man hier schnell handeln. Wir haben mittlerweile viele und etablierte Behandlungsmethoden und können Schlaganfallpatienten gut helfen – es ist also dringend anzuraten, mit neurologischen Ausfällen weiterhin schnellstmöglich ins Krankenhaus zu kommen.

Ich bin froh und stolz, wie wir die erste Welle bewältigt haben. Das lag am großen Engagement aller Beteiligten. Wir waren aber auch einer ausgeprägten Doppelbelastung ausgesetzt, und das bei begrenztem Personal. Das kann man nicht für immer so durchhalten. Deshalb ist es mit Blick auf den Winter so wichtig, dass die Kurve möglichst flach gehalten werden kann. Ich bin guter Dinge, dass wir auch die zweite Welle gut bewältigen, wenn alle an einem Strang ziehen und alle weiterhin Abstand halten, Maske tragen und die Kontakte soweit möglich beschränken.“

Frank Hiltenkamp, Abteilungsleiter der Anästhesiefunktion in der München Klinik Bogenhausen. Bildnachweis: München Klinik
Frank Hiltenkamp, Abteilungsleiter der Anästhesiefunktion in der München Klinik Bogenhausen. Bildnachweis: München Klinik

Frank Hiltenkamp, Abteilungsleiter der Anästhesiefunktion in der München Klinik Bogenhausen

„Ich bin Abteilungsleiter der Anästhesiefunktion in Bogenhausen – das heißt ich organisiere die 18.000 Narkosen, die wir in unseren 15 OP-Sälen pro Jahr machen, und teile die Mitarbeiter der Anästhesiepflege entsprechend ein.

Die erste Welle war für uns unruhig und ungewiss. Wir mussten sehr schnelllebig arbeiten, da zu der Zeit auch im OP viel umstrukturiert wurde, um Intensivkapazitäten freihalten zu können. Wir mussten die OPs stark reduzieren und hatten viel Organisationsaufwand. Es war eine sehr hektische Zeit, aber alles in allem hat es gut funktioniert. Die Mitarbeiter waren sehr gefordert und mussten auf Urlaube verzichten, die OP-Pflege hat sich in der Lagerung von Intensivpatienten schulen lassen. Ich fand es sehr beeindruckend, wie gut alle mitgemacht und zusammengeholfen haben. Wir haben uns gut aufgestellt, um bei Bedarf mehr Intensivkapazitäten zu haben.

Jetzt ist die zweite Welle da. Seitens der Arbeitsorganisation blicke ich dem positiver entgegen, wir sind jetzt geschulter, haben gute Konzepte und können schneller handeln. Ein wichtiges Beispiel: In der ersten Welle wurden die Beatmungsschläuche knapp, wir haben daraufhin wiederaufbereitbare Systeme besorgt und sind damit nun gut ausgestattet. Wir sind nicht mehr von Einmalmaterialien abhängig und könnten im Fall der Fälle schnell umplanen.

Wir werden aufgrund der steigenden Patientenzahlen wohl wieder die OPs reduzieren müssen. Wir versuchen natürlich alle wichtigen Operationen, z.B. Tumorpatienten oder Notfalloperationen, weiter durchzuführen. Es werden zunächst elektive Operationen um ein paar Wochen verschoben, aber natürlich ist es unser Ziel, so viele Patienten wie möglich weiter behandeln zu können.

Ich denke, wir müssen uns als Gesellschaft in Zukunft mehr auf so etwas wie Pandemien einstellen. Ich persönlich bin jederzeit dazu bereit, mich einzubringen – viele meiner Kollegen auch. Im Rahmen von Corona wird es sicher von Welle zu Welle etwas leichter werden, aber wir wissen natürlich nicht, was die Zukunft noch bringt. Wichtig ist vor allem, dass man den Pflegeberuf wieder attraktiver macht, dass man mehr Leute in die Pflege bringt, dass es sich wieder lohnt, diese Ausbildung zu machen. Damit man nicht immer wieder an diesen Punkt kommt, an dem man zwar genug Intensivbetten hat, aber kein Personal, das die Patienten versorgt. Da müssen wir hinkommen. Die Tarifverhandlungen waren ein erster Schritt, aber es muss weitergehen.

Mir persönlich ist es ein wichtiges Anliegen, dass die Menschen sich an die AHA-Regeln und Maßnahmen halten. Sicherlich ist es nicht schön, eine Maske zu tragen, und ich freue mich auch immer, wenn ich sie abnehmen und durchatmen kann. Aber für das, was man damit erreichen kann, sind das aus meiner Sicht doch recht kleine Maßnahmen.“

Renate Bock, Pflegekoordinatorin in der München Klinik Neuperlach. Bildnachweis: München Klinik
Renate Bock, Pflegekoordinatorin in der München Klinik Neuperlach. Bildnachweis: München Klinik

Renate Bock, Pflegekoordinatorin in der München Klinik Neuperlach

„Als Pflegekoordinatorin bin ich zuständig für Schulungen im pflegerischen Bereich und bin Ansprechpartnerin für die Pflege vor Ort. In der ersten Welle war meine Aufgabe die durchgehende Sicherstellung der pflegerischen Patientenversorgung, zu koordinieren. Wir haben schon damals die Ruhe vor dem Sturm genutzt und haben versucht, uns bestmöglich aufzustellen. Neben Schulungen für die Covid-19-Versorgung haben auch Hygieneschulungen stattgefunden. Es war wirklich großartig, wie viel Engagement aus den einzelnen Bereichen kam und auch, wie gut die Zusammenarbeit der verschiedenen Berufsgruppen und Fachbereiche funktioniert hat.

Die Schulungen waren für Pflegekräfte aus den Allgemeinstationen, die dann auf den Covid-19-Normalstationen und Covid-19-Intensivstationen einsatzfähig waren. Die Inhalte waren für die Pflegekräfte zum Teil Neuland, zum Teil Auffrischung. Unser Ziel war es, jede Pflegekraft, die sich freiwillig zum Einsatz auf der Covid-19-Intensivstation gemeldet hat, bestmöglich vorzubereiten und zu qualifizieren, damit diese dort im Tandem mit den Intensivpflegekräften unterstützen konnte. Für die beatmeten Patienten haben wir auch sogenannte Lagerungsteams gebraucht und aufgebaut, denn einen beatmeten Patienten kann man nicht einfach „umdrehen“ – man muss auf die diversen Zu- und Ableitungen achten und darauf, wo der Patient bewegt wird. Dazu braucht man mindestens vier Personen, die im gleichen Rhythmus die Drehung durchführen, das ist viel aufwändiger. Hier haben die OP-Pflege und Anästhesie-Pflege sowie die Physiotherapeuten unterstützt, die wegen des heruntergefahrenen Regelbetriebs und verschobener Operationen einsatzfähig waren.

Wir im Klinikum können über öffentliche Diskussionen rund um Corona nicht groß nachdenken, wir müssen einfach wieder gut funktionieren. Ich wünsche jedem Menschen, dass er gesund bleibt. Wenn es aber anders kommen sollte, dann wünsche ich ihm, dass er im Krankenhaus eine gute pflegerische Versorgung erhalten kann und dafür werden wir unser ganzes Wissen und unsere ganze Kraft einsetzen – und natürlich wären wir dankbar, wenn uns dabei wieder freiwillige Helfer, gerne mit Pflegeausbildung, unterstützen würden. Wir müssen jetzt alle solidarisch sein und die AHA-Regeln und Maßnahmen einhalten, damit die Infektionszahlen moderat steigen. Dann können wir die zweite Welle miteinander stemmen.“

Clement Edathumparampil, Seelsorger in der München Klinik Schwabing und Bogenhausen. Bildnachweis: München Klinik
Clement Edathumparampil, Seelsorger in der München Klinik Schwabing und Bogenhausen. Bildnachweis: München Klinik

Clement Edathumparampil, Seelsorger in der München Klinik Schwabing und Bogenhausen

„Ich bin katholischer Theologe und Seelsorger in der München Klinik Schwabing und Bogenhausen. Wir sind in der Seelsorge ein großes Team. Überwiegend begleiten wir schwerkranke Patientinnen und Patienten, wir feiern Gottesdienste, wir spenden Sakramente, wir begleiten Menschen auf den letzten Tagen ihres Lebens. Darüber hinaus sind wir auch für die Mitarbeiter und Angehörigen da.

Meine Kollegen und ich haben die erste Welle als sehr arbeitsintensiv erlebt. Wir arbeiten sehr nah an den Patienten, wir begleiten sie, wir trösten sie, wir hören ihnen zu, wir verabschieden sie, wir begleiten Angehörige – das alles war nicht mehr möglich, zumindest nicht mehr in gewohnter Weise. Für Angehörige war diese Zeit besonders schwierig – aufgrund des Besuchsverbots habe ich mich auch mit Angehörigen draußen vor der Klinik getroffen und einen Spaziergang gemacht, um mir Zeit zu nehmen. Das Besuchsverbot bedeutet, dass wir Seelsorger mehr in Anspruch genommen werden. Manchmal besuchen wir Patienten für Angehörige. Wir gehen unter Einhaltung der Hygienemaßnahmen auch auf die Covid-19-Stationen, da hier unser Besuch oft gewünscht wird. Das ist schon eine Herausforderung – wir kennen zwar die Isolierung von Patienten und entsprechende Schutzkleidung, aber nicht in dem Ausmaß. Aber wir machen das sehr gern, auch wenn wir natürlich nicht die gesamte Nähe zu Angehörigen ersetzen können. Ich sehe, wie schmerzlich das für Angehörige und Patienten ist, aber wir tun was wir können und sind weiter da. Es ist für uns alle keine leichte Zeit, niemand hat diese Maßnahmen gewollt und letztlich dienen sie ja dem Schutz der Menschen.

Bei der ersten Welle haben wir alle sehr verantwortungsbewusst gehandelt – darauf hoffe ich auch in der zweiten Welle. Bitte schützen Sie sich selbst und andere. Wir in der Seelsorge haben jetzt Erfahrungen gesammelt und werden auch bei steigenden Infektionszahlen unter den gegebenen Umständen weiter in den Krankenhäusern arbeiten.“

Dr. Ines Kaufmann, Oberärztin der Intensivstation in der München Klinik Neuperlach. Bildnachweis: München Klinik
Dr. Ines Kaufmann, Oberärztin der Intensivstation in der München Klinik Neuperlach. Bildnachweis: München Klinik

Dr. Ines Kaufmann, Oberärztin der Intensivstation in der München Klinik Neuperlach

„Ich arbeite als Oberärztin auf der Intensivstation der München Klinik Neuperlach und habe hier gemeinsam mit meinem Team in der ersten Welle Covid-19-Patienten betreut. Aktuell können die Covid-19-Intensivpatienten noch an den Standorten Schwabing und Harlaching zentriert versorgt werden.

Die erste Welle war wirklich eine Herausforderung. Es ist unvorstellbar, wie kompliziert und aufwändig die Behandlung von schwerkranken Covid-19-Patienten ist. Neben der sehr warmen und schweren Schutzkleidung kam auch die Belastung hinzu, dass die Patienten medizinisch eine Vielzahl an Problemen geboten haben, mit denen wir nicht gerechnet haben. Wir dachten anfangs, die Patienten zeigen vorwiegend respiratorische Symptome. Wir haben aber schnell gesehen, dass vielfältige Probleme auf uns zukommen – zum Beispiel Thrombosen, Lungenembolien, Blutungen und Nierenversagen. Hier hatten wir Glück, dass wir eine herausragende Medizintechnik hatten, die Lunge und Nieren ersetzen konnten. Wir mussten diese Geräte bei Covid-19-Patienten viel häufiger anwenden, als wir das üblicherweise tun, sodass wir technisch zusätzlich gefordert waren. Nur durch die Zusammenarbeit jedes Einzelnen im Team war es möglich, dass eine Vielzahl dieser schwerkranken Patienten überleben konnte – und das ohne langfristige Einschränkung der Lebensqualität.

Mit Blick auf die zweite Welle möchte ich das, was ich in der ersten Welle gesehen habe, nicht noch einmal erleben. Das hat uns an unsere Belastungsgrenzen gebracht und war emotional und fachlich eine Herausforderung für jeden Einzelnen von uns. Glücklicherweise sind damals die Patienten, die eine intensivmedizinische Behandlung benötigten, exakt 14 Tage nach dem Lockdown weniger geworden. Das heißt, zwei Wochen nach dem Lockdown haben wir nur noch eine reduzierte Anzahl an Intensivpatienten aufnehmen müssen. Epidemiologisch betrachtet gibt uns jetzt also auch der „Lockdown light“ die Chance, unser Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Wenn wir uns jetzt nicht an die Maßnahmen halten, kann umgekehrt die Konsequenz sein, dass wir neben den Covid-19 Patienten andere Patienten mit Herzinfarkt, Schlaganfall und anderen Erkrankungen nicht mehr ausreichend versorgen können. Ich möchte es nicht erleben, dass wir es nicht gewährleisten können, diesen Patienten die Therapieoptionen und Operationen, die notwendig wären, nicht zukommen zu lassen. Deswegen appelliere ich an unsere Mitmenschen außerhalb der Krankenhäuser, sich dem Lockdown und der Schutzmaßnahmen anzunehmen. Bitte nehmt das ernst, denn es können unsere Geschwister, Eltern und Freunde betroffen sein. Ich denke, es ist unser gemeinsames Ziel, das zu verhindern.“

Markus Schopper, stellv. Stationsleiter der kardiologisch-internistischen Intensivstation in der München Klinik Bogenhausen. Bildnachweis: München Klinik
Markus Schopper, stellv. Stationsleiter der kardiologisch-internistischen Intensivstation in der München Klinik Bogenhausen. Bildnachweis: München Klinik

Markus Schopper, stellv. Stationsleiter der kardiologisch-internistischen Intensivstation in der München Klinik Bogenhausen

„Ich bin stellvertretender Stationsleiter auf der kardiologisch-internistischen Intensivstation in Bogenhausen und gelernter Fachkrankenpfleger für Anästhesie-Intensivmedizin. Wir behandeln hier überwiegend kardiologisch-internistische Patienten oder Notfälle, die intensivpflichtig werden.

In der ersten Welle war es sehr hektisch, da das Ganze uns überrollt hat. Wir mussten unsere Station schnell umbauen. Wir haben hier in Bogenhausen primär Covid-19-Abklärungsstationen eingerichtet und haben dann auch die ersten Covid-19-Patienten bekommen – es war erschreckend, wie schnell sich deren Zustand verschlechtert hat bis hin zur Beatmung. Die Mitarbeiter hatten Angst, da wir nicht wussten, was auf uns zukommt. Wir sind nach Möglichkeit vorbereitet worden, der Einkauf hat alles gegeben, damit uns die Schutzkleidung nicht ausgeht. Wir mussten mit den Masken aber schon haushalten.

Die Versorgung von Covid-19-Patienten ist etwas ganz Anderes, es war für uns eine neue Welt. Wir kennen die Arbeit in Kitteln und Handschuhen natürlich, aber wir mussten plötzlich mit kompletter Schutzmontur arbeiten. Das heißt mit Schutzbrillen, FFP2-Masken, dicken Spezialhandschuhen und zusätzlichen Schutzvisieren. Ein normaler Intensivpatient würde mit Mund-Nasen-Schutz und leichter Schutzkleidung versorgt. Bei der Versorgung von Covid-19-Patienten mussten wir uns nach jedem Patienten umziehen, weil wir komplett durchgeschwitzt waren.

Nach dem ersten „Lockdown“ sind die Patientenzahlen drastisch gesunken, was uns sehr gefreut hat. Es kamen weniger Intensivpatienten. Wir konnten die Hälfte der Station schnell wieder für die normalen kardiologischen Patienten öffnen. Wenn die Zahlen jetzt weiter steigen, wird es wohl darauf hinauslaufen, dass wir die Station wieder umbauen und andere Patienten auf andere Stationen und Häuser verteilen müssen.

Wir haben ohne Covid-19 schon knappe Personalressourcen, Covid-19 hat das verschlimmert. Viele unterschätzen das. Die AHA-Regeln können verhindern, dass Menschen an Corona so schwer erkranken, dass sie ins Krankenhaus müssen. Und auch Pflegepersonal ist draußen unterwegs und würde im Falle einer Infektion ausfallen, was angesichts der knappen Ressourcen fatal ist.“

PD Dr. Atiqullah Aziz, Chefarzt der Klinik für Urologie in der München Klinik Bogenhausen. Bildnachweis: München Klinik
PD Dr. Atiqullah Aziz, Chefarzt der Klinik für Urologie in der München Klinik Bogenhausen. Bildnachweis: München Klinik

PD Dr. Atiqullah Aziz, Chefarzt der Klinik für Urologie in der München Klinik Bogenhausen

„Der Schwerpunkt unserer Klinik liegt auf der Therapie von urologischen Krebserkrankungen mit minimalinvasiven und roboterassistierten OP-Verfahren. Die erste Welle hat uns getroffen wie ein Schlag – zum Glück konnten wir unsere Krebspatienten alle rechtzeitig versorgen und priorisiert behandeln. Aber weniger dringliche Operationen, wie beispielsweise Steinleiden und andere gutartigen Erkrankungen, mussten wir verschieben. Das habe ich sehr bedauert. Wir konnten nicht mehr alle Patienten so behandeln, wie wir sie behandeln wollten. Gleichzeitig haben wir von den betroffenen Patienten großes Verständnis erfahren, das habe ich sehr positiv wahrgenommen – die Menschen haben verstanden, dass nun zunächst die Patienten priorisiert behandelt werden müssen, denen es deutlich schlechter geht, da sie eine potentiell lebensbedrohliche Erkrankung haben. Meine größte Sorge mit Blick auf die zweite Welle und die exponentiell wachsenden Infektionszahlen ist, dass ich nicht alle meine Krebspatienten versorgen kann, da es nicht genug Intensivkapazität geben könnte. Daher ist der Appell an unsere Gesellschaft ganz klar: Bitte bleiben Sie vernünftig, respektieren Sie die Maßnahmen und AHA-Regeln, damit wir unseren Patienten helfen können, die unsere Hilfe wirklich brauchen. Der Krebs breitet sich nicht aus wie eine Pandemie. Aber Krebsleiden hören in der Pandemie und unter „social distancing“ nicht auf – deswegen halten wir unsere Patienten an, das Krankenhaus nicht zu meiden, denn das hätte unter Umständen schlimme Folgen. Die Sicherheitsvorkehrungen sind geschaffen, dass wir unsere Patienten sicher behandeln können.“

 

 

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