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Wiesn-Fazit aus dem Städtischen Klinikum: Notfallstatistik und Experten-Tipps zur Wiesn-Grippe

Wiesn-Fazit aus dem Städtischen Klinikum: Notfallstatistik und Experten-Tipps zur Wiesn-Grippe

München, 03. Oktober 2017. Auch während der Wiesen 2017 war die größte Notaufnahme der Stadt am Klinikum Schwabing wieder gefordert. „Insgesamt ein um rund 10% erhöhtes Aufkommen im Bereich der Notfallversorgung beobachten wir regelmäßig während der Oktoberfestzeit und wir sind auch kurzfristig jederzeit in der Lage unsere Kapazitäten steigenden Anforderungen anzupassen. Dafür steht ein großes Team rund um die Uhr zur Verfügung“, berichtet Chefarzt Dr. Eduard Höcherl. Unter den diesjährigen Wiesn-Notfällen waren leider auch Schwerverletzte wie beispielsweise ein verunglückter stark alkoholisierter Motorradfahrer. Allerdings seien in diesem Jahr dankenswerterweise größtenteils leichte Verletzungen zu versorgen gewesen. Darunter beispielsweise ein 35jähriger Italiener, der sich an einer Türe im Festzelt den Kopf gestoßen hat. Nach der fachgerechten Versorgung der Platzwunde, bedankte sich der junge Mann und verließ das Krankenhaus, um auf der Wiesn weiter zu feiern. Das Notfallzentrum des Klinikums Schwabing ist als überregionales Traumazentrum zertifiziert und versorgt jährlich rund 24.000 Patienten. Dafür steht rund um die Uhr ein interdisziplinäres Team aus Pflegekräften und Ärzten zur Verfügung.

Experteninterview mit Prof. Wolfgang Wagner, Chefarzt HNO am Klinikum Schwabing, über die Unterschiede zwischen „echter“ und „Wiesn-Grippe“ sowie das Thema Impfen:

Wie unterscheide ich eine echte Grippe von einer Erkältung bzw. der „Wiesn-Grippe“?

Die echte Grippe wird durch sogenannte Influenza-Viren ausgelöst, während der grippale Infekt (auch als banale Erkältung bezeichnet) durch sogenannte Rhinoviren entsteht, von denen es etwa 200 verschiedene gibt. Auf den ersten Blick ähneln sich die typischen Symptome von Grippe und Erkältung, in einigen Punkten unterscheiden sich die Krankheitsbilder jedoch deutlich. Bei der echten Grippe treten die Beschwerden plötzlicher und mit größerer Schwere auf als bei einem grippalen Infekt, häufig entsteht innerhalb von einigen Stunden hohes Fieber, während ein grippaler Infekt meist nur erhöhte Temperaturen bis max. 38 Grad verursacht. Auch die anderen Symptome wie Kopfschmerzen, Gliederschmerzen und allgemeine Schwäche sind bei einer echten Grippe deutlich heftiger und für die meisten Patienten aus ihrer Krankheitsgeschichte her daher ungewohnt. Während ein grippaler Infekt typischerweise nach einer Woche deutlich abklingt, ist dies nach einer echten Influenzagrippe nicht der Fall, diese klingt erst nach zwei bis drei Wochen ab.

Wann kann man mit einer Erkältung noch zur Arbeit, wann gehört man definitiv zuhause ins Bett?

Wenn, wie oben beschrieben, die Symptome schlagartig mit großer Heftigkeit einsetzen, sollte man an die Möglichkeit einer echten Grippe denken und daher zum Arzt gehen. Generell gilt, dass man mit Fieber ab 38 Grad zu Hause im Bett bleiben sollte. Auch ein allgemeines Schwächegefühl, das mit einer produktiven Arbeit nicht vereinbar ist, sollte die Meldung einer Arbeitsunfähigkeit zur Folge haben. Hier hört man am besten auf die Warnsignale des Körpers. Ein weiterer Aspekt ist die Frage, ob man durch eine ständige Sekretion aus der Nase, Niesreiz und/oder Husten eine Infektquelle für die Kolleginnen und Kollegen ist. Dies hängt auch von der Arbeitssituation ab, weil es natürlich ein Unterschied ist, ob ich alleine in einem Büro sitze oder auf engstem Raume mit anderen Mitarbeitern arbeite.

Türklinken, U-Bahn, Aufzugknöpfe, Händeschütteln oder noch intimer: Überall kommen wir mit Bakterien und Viren anderer Leute in Kontakt: Wie schützt man sich effektiv vor Ansteckung?

Händewaschen ist eine einfache und wichtige Maßnahme, sich und andere vor Grippeviren zu schützen, denn die Hände verbreiten Krankheitserreger. Auch das Anniesen anderer Menschen sollte man vermeiden. Mit diesen Maßnahmen schützt man die Gesundheit anderer. Sich selbst schützt man am besten ebenfalls, indem man den direkten „Tröpfchenkontakt“ mit offensichtlich erkälteten Personen meidet. In Situationen räumlicher Enge wie z.B. in der U-Bahn kann dies u.U. schwierig sein. Türklinken oder andere gemeinsam benutzte Gegenstände kommen als Übertragungsquelle grundsätzlich in Betracht; dies hängt allerdings stark von der Überlebenszeit der Erreger auf diesen Oberflächen ab, und diese schwankt je nach Keim und klimatischen Verhältnissen von Minuten bis Tagen. Pauschal ist es daher im Zweifelsfall besser, das gemeinsame Anfassen von Gegenständen mit erkälteten Personen zu meiden, oder sich danach wiederum die Hände zu waschen.

Reicht es, sich die Hände zu waschen oder soll man sie desinfizieren?

Unter normalen Umständen ist das Waschen mit Wasser und Seife völlig ausreichend. Besondere Maßnahmen wie eine Händedesinfektion sind in erster Linie in medizinischen Bereichen, wie dem Krankenhaus oder einer Arztpraxis, wo zum einen mit einem erhöhten Keimaufkommen und zum anderen mit krankheitsgeschwächten Personen zu rechnen ist, angezeigt.

Wie komme ich ohne Erkältung durch Herbst und Winter?

Neben den o.g. Maßnahmen zum Schutz vor direktem Tröpfchenkontakt ist alles sinnvoll, was das Immunsystem stärkt. Hierzu gehört die ausreichende Zufuhr von Vitamin C in Form von frischem Obst, ausreichende Sonnenexposition z.B. über Spaziergänge bei schönem Wetter sowie angemessene körperliche Betätigung. Schlafmangel und körperliche oder seelische Überlastung hingegen schwächen das Immunsystem.

Und wenn mich Schnupfen und Husten doch erwischen: Was hilft am besten?

Ist die Nase deutlich verstopft, so sind abschwellende Sprays oder Tropfen für einige Tage anzuraten, damit der Sekretabfluss aus der Nase und den Nasennebenhöhlen möglich bleibt und sich der Zustand nicht verschlechtert. Andere abschwellende Maßnahmen umfassen Inhalationen mit Salzlösung oder ätherischen Ölen sowie pflanzliche abschwellende und schleimlösende Präparate, die meist in der Apotheke rezeptfrei erhältlich sind. Darüberhinaus gibt es schleimhautabschwellende und –beruhigende Tabletten, die die Symptome lindern und den günstigen Fortgang des grippalen Infektes fördern können. Außerdem ist es wichtig, dem Körper in der Erkältungssituation ausreichend Zeit zur Selbsterholung zu geben, denn das Immunsystem des Körpers muss sich der Viren letztendlich selbst entledigen. Wenn man ohne Rücksicht auf den eigenen Körper weiter „powert“ wie bisher, kann dies zu einer Ausweitung der Infektion z.B. in Richtung einer Bronchitis oder Lungenentzündung führen. Daher lieber rechtzeitig einen Gang zurück schalten und die Erkältung auskurieren. Dies kann auch bedeuten, dass man zwar noch arbeiten gehen kann, aber den Feierabend und das Wochenende für echte Erholung mit wenig Aktivität und viel Schlaf nutzt. Eine antibiotische Therapie ist erst dann erforderlich, wenn die Erkältungssymptome zum einen nicht unter den o.g. Maßnahmen besser werden, zum anderen gelblich-eitriges Sekret zu beobachten ist, das auf eine bakterielle Entzündung hinweist.

Mit welchen Erkältungssymptomen ist – bei Kindern und bei alten Menschen – der Gang zum Arzt „Pflicht“?

Die meisten Menschen hatten in ihrem Leben bereits eine ganze Reihe von Erkältungskrankheiten und können recht gut unterscheiden, wann es sich um einen für sie gewohnten grippalen Infekt handelt und wann um eine ernstere Erkrankung. Den Gang zum Arzt rate ich immer dann an, wenn Beschwerden auftreten, die ungewöhnlich stark oder von der Art her anders sind als gewohnt, außerdem falls die Symptome nicht den gewohnten, nach einigen Tagen abklingenden Verlauf nehmen.

 Für wen ist eine Grippeimpfung geeignet und für wen nicht?

Zu den Menschen, denen besonders zu einer Grippeimpfung zu raten ist, gehören laut der Ständigen Impfkommission (STIKO) alle über 60-Jährigen. Außerdem schließt die Risikogruppe Menschen mit chronischen Krankheiten oder mit schwachem Immunsystem sowie Säuglinge und Kleinkinder ein. Auch für Schwangere ab dem dritten Monat empfiehlt die STIKO die Grippeimpfung.

Unabhängig von Alter und Gesundheitszustand sind auch Menschen mit vielen täglichen Personenkontakten besonders ansteckungsgefährdet. Dazu gehören Lehrer, Erzieher und Menschen, die in Kliniken arbeiten.

Unter bestimmten Umständen wird von einer Impfung abgeraten. Sollten Sie etwa eine Allergie gegen bestimmte Bestandteile des Impfstoffes haben, ist es ratsam, auf die Grippeimpfung zu verzichten. Klären Sie auch dies im Vorfeld mit Ihrem Arzt ab. Möglicherweise findet sich eine Alternative zum gängigen Impfstoff.

Auch sollten Sie auf eine Impfung verzichten, wenn Sie bereits an einem akuten Infekt leiden, zum Beispiel eine Erkältung oder Fieber haben. Warten Sie in diesem Fall, bis Sie vollständig genesen sind und Ihr Immunsystem stark genug für den Impfstoff ist.

Ansonsten ist die Impfung für alle geeignet und die sicherste Möglichkeit sich zu schützen. Wir empfehlen eine Impfung gerade für die Risikogruppen wie Menschen mit Lungenerkrankungen oder geschwächtem Immunsystem. Sie ist gut verträglich und wirkt bei jungen Menschen hervorragend. Bei älteren Menschen geht man von einer Wirksamkeit von mindestens 70% aus. Und mit Blick auf die vergangene Grippesaison und gerade bei Risikogruppen viele dramatische Krankheitsverläufe, ist eine vorbeugende Impfung sehr zu empfehlen.

Wir legen auch Wert auf die Impfung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: In den vergangenen Jahren ist die Impfquote der Mitarbeiter im Städtischen Klinikum deutlich gestiegen und stärkt die gesundheitliche Situation der diensthabenden Kräfte. Experten raten auch Bürgerinnen und Bürgern zur Influenza-Impfung. Die Anzahl der geimpften Seniorinnen und Senioren ist in den vergangenen Jahren deutlich rückläufig. Waren in der Saison 2009/2010 noch 47,7 % der mindestens 60-Jährigen geimpft, so ist der Anteil in der Saison 2015/2016 auf 35,3 % gesunken, berichtet das Robert-Koch-Institut in einer aktuellen Meldung. In Bayern sind aktuell bei den über 60-Jährigen nur 23,7 % geimpft. In den neuen Bundesländern liegt die Impfrate über 50 %.

Wann sollte eine Impfung erfolgen? Möglichst früh schon im Herbst oder ist es später sinnvoller?

Ich empfehle eine Grippeimpfung, bevor die Grippewelle richtig losgeht. Der Herbst ist ein guter Zeitpunkt, da die meisten Grippefälle im Januar und Februar auftreten. Bis der Impfschutz sich vollständig aufgebaut hat, benötigt der Körper etwa ein bis zwei Wochen.

Die Impfung muss jedes Jahr aufgefrischt werden, da sich das Grippevirus ständig verändert und der Impfstoff daran angepasst wird. Die Wirkung der Grippeimpfung hält etwa ein halbes Jahr an.