Schulwegsicherheit: ADFC-Untersuchung beleuchtet Gefahrenpotential rund um Münchner Schulen

Schulwegsicherheit: ADFC-Untersuchung beleuchtet Gefahrenpotential rund um Münchner Schulen

Der ADFC München hat die Sicherheit von Schüler:innen auf dem Rad im Umfeld von Schulen in München untersucht. Die Auswertung der Unfallzahlen und der Radweg-Qualität zeigt, wo radelnde Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene besonders gefährdet sind.

Die Verkehrssicherheit von Schüler:innen auf dem Rad steht im Fokus einer neuen Untersuchung des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) München, die die Gefahrensituationen rund um Bildungseinrichtungen in München beleuchtet. An welchen weiterführenden Schulen und Grundschulen sind die Schüler:innen am meisten gefährdet, wenn sie ihren Weg mit dem Rad antreten? Um diese Frage zu beantworten, wertete der ADFC die Unfallzahlen und die Radweg-Qualität im Umkreis aus und errechnete daraus einen Gefahrenindex. 

Andreas Schön, 1. Vorsitzender des ADFC München, sagt: „Unser Anliegen ist es, Gefahrenpotenziale für radfahrende Schülerinnen und Schüler sichtbar zu machen. Bislang wird die Sicherheit der Radinfrastruktur im Wesentlichen anhand bereits erfolgter Unfälle bewertet. Das heißt, es müssen in der Regel erst ein oder sogar mehrere Unfälle passieren, bevor die Stadt wirksame Verbesserungen umsetzt. Dann ist es aber für die Unfallopfer zu spät. Die Studie soll dazu beitragen, präventive Maßnahmen zu entwickeln und die Verkehrssicherheit rund um Münchens Schulen zu verbessern. Junge Menschen müssen sicher zur Schule kommen können. Das muss höchste Priorität beim Ausbau der Radwege haben.“

Michael Hälsig, im Vorstand des ADFC München und verantwortlich für die Auswertung, ergänzt: „In erster Linie nur die Unfallzahlen zu betrachten, ignoriert, dass ein größerer Teil der Radfahrenden stressige und unsichere Radinfrastruktur meidet, Umwege in Kauf nimmt oder Kinder dann sogar mit dem Elterntaxi gefahren werden, was für andere Kinder weitere Gefahren schafft.“

Situation an weiterführenden Schulen

Gefahrenindex aus Unfallzahlen und Qualität der Radwege

Der Gefahrenindex des ADFC München basiert auf den Unfallzahlen von Radfahrenden in den Jahren 2016 bis 2022, dabei wurde nur die Anzahl der Radunfälle im Zeitraum von 7:00-17:00 Uhr betrachtet, die Schwere dieser Radunfälle, sowie – gleichwertig – die Qualität der Radwege – alles gemessen im 500-Meter-Umkreis der jeweiligen Bildungseinrichtung. 

Für den Gefahrenindex ausgewertet wurde die Länge der für Radfahrende sehr stressigen und stressigen Strecken. Sehr stressig heißt, dass es auf vielbefahrenen Straßen nur einen schmalen Radfahrstreifen, einen Schutzstreifen oder gar keinen Radweg gibt. Stressig  bedeutet, dass der Radweg schmal und nicht komfortabel ist. 

Die Top 3 beim Gefahrenindex der weiterführenden Schulen

  1. Bei den weiterführenden Schulen führt die Städtische Friedrich-List-Wirtschaftsschule in der Westenriederstraße die Tabelle mit dem höchsten Gefahrenindex für den Radverkehr an. In ihrem 500-Meter-Umkreis sorgen die hohe Zahl von verunfallten Radfahrenden – 14 davon mit schweren Verletzungen, 169 mit leichten Verletzungen – und die größtenteils für Radfahrende sehr stressige und stressige Radweg-Qualität für das höchste Gefahrenpotential. 
  2. Auf dem zweiten Platz mit nur minimalem Abstand landet das Sonderpädagogische Förderzentrum in der Herrnstraße. In seinem Umfeld liegen die Unfallzahlen sogar insgesamt etwas höher, 17 schwerverletzte Radfahrende, 180 mit leichten Verletzungen, die minimal bessere Bewertung der Radweg-Qualität senkt hier das Gefahrenpotential – jedoch nur äußerst geringfügig. 
  3. Auf Platz 3 landet das Städtische Luisengymnasium in der Luisenstraße 7, das beim Gefahrenindex gleichauf liegt. Im Umkreis der Schule gab es zwei tödliche Unfälle mit Radfahrenden, die Zahl der Radunfälle insgesamt liegt aber etwas niedriger. Und auch die Zahl der sehr stressigen und stressigen Radl-Strecken im Umkreis ist geringfügig kleiner.

Situation an Grundschulen

Kinder in Grundschulen werden oft von ihren Eltern mit dem Lastenfahrrad oder im Kinderanhänger zur Schule gebracht und abgeholt. Oder die Kinder gehen zu Fuß zur Schule, kommen mit dem Roller oder dem Fahrrad. Bis zum Alter von acht Jahren müssen sie auf dem Gehweg radeln, von acht bis zehn Jahren dürfen sie den Gehweg benutzen. Baulich getrennte Radwege dürfen von allen genutzt werden.

Abweichender Gefahrenindex
Bei den Grundschulen sind aufgrund dieser besonderen Situation zusätzlich zur Qualität der Radwege und zur Zahl und zum Verletzungsgrad der verunfallten Radfahrenden auch die Unfälle mit Fußgänger:innen in den Gefahrenindex eingeflossen. Alle Zahlen beziehen sich bei dieser Auswertung auf den jeweiligen Schulsprengel anstelle des 500-Meter-Umkreises.

Die Top 3 beim Gefahrenindex der Grundschulen

  1. Die Grundschule am Schubinweg in Lochhausen liegt auf Platz 1. Die sehr hohe Zahl sehr stressiger und stressiger Radwege in diesem Sprengel führt dazu, dass die Gefährdung der Schüler:innen auf dem Schulweg als sehr hoch anzusehen ist. Und das, obwohl die Unfallzahlen hier bei weitem nicht die höchsten sind: ein schwerverletzter und 23 leichtverletzte Radfahrer:innen sowie ein schwerverletzter und drei leichtverletzte Fußgänger:innen. 
  2. Die Kinder an der Grundschule in der Dachauer Straße 98 sind im Verkehr stark gefährdet, die Schule folgt mit geringem Abstand auf Platz 2. Die Unfallzahlen sind sehr hoch: 25 schwerverletzte und 241 leichtverletzte Radfahrende gab es hier zwischen 2016 und 2022, zudem 15 schwerverletzte und 54 leichtverletzte Fußgänger:innen. Hinzu kommen viele sehr stressige und stressige Radstrecken. 
  3. Die Grundschule in der Lerchenauer Straße 322 in Feldmoching landet auf dem 3. Platz. Im Sprengel wurden 5 Radfahrende leicht- und 21 schwerverletzt. Es gab zudem einen schwerverletzten und neun leichtverletzte Fußgänger:innen. Der hohe Gefahrenindex trotz vergleichsweise niedriger Unfallzahlen ergibt sich auch hier aus der Vielzahl sehr stressiger und stressiger Radstrecken im Sprengel.

Fazit der Untersuchung
Weiterführende Schulen: Hohes Risiko im Stadtbezirk Altstadt/Lehel 

Die Visualisierung auf der Karte zeigt: Sechs von zehn weiterführenden Schulen mit der größten Gefährdung für den Radverkehr liegen nahe beieinander im Stadtbezirk Altstadt/Lehel. 

Grundschulen: Gefährdung im Zentrum und in den Sprengeln im Norden und Nordwesten  

Fünf der Grundschulsprengel mit dem höchsten Gefahrenindex liegen ebenfalls im Zentrum, fünf weitere im Norden und Nordwesten, wie die Visualisierung auf der Karte zeigt. Letzteres deckt sich mit den Ergebnissen des Accessibility Atlas der TUM, der den Stadtbezirken im Norden ebenfalls Nachteile beim Radverkehr für Kinder und Jugendliche attestiert.

Alle Unfallorte sowie sehr stressige (schwarz) und stressige (rot) Strecken sind auf weiteren Karten sichtbar. 

Forderungen des ADFC München zur Schulwegsicherheit:

  • Neubewertung der Verkehrssicherheit von Radrouten: Auswertung der Unfallzahlen UND der Qualität der Radinfrastruktur, um Unfallprävention zu stärken
  • Bewertung der Sicherheit der Strecken nach folgenden Kriterien:
    • Gibt es ausreichend breite, durchgängige, baulich getrennte oder geschützte Radwege, damit Eltern neben ihren Kindern fahren können? 
    • Ist die Führung des Radwegs, insbesondere an Knotenpunkten, deutlich?
    • Gibt es getrennte Ampelschaltungen für Rad- und Kfz-Verkehr?
    • Gefährden Hindernisse wie parkende Kfz auf dem Radweg oder sich plötzlich öffnende Autotüren die Radfahrenden?
    • Kurz: Kann ich mein 10-jähriges Kind dort allein fahren lassen?
  • Priorisierung des Ausbaus guter Radverkehrsinfrastruktur rund um besonders gefährdete Schulen. 
  • In der Innenstadt: zügiger Ausbau des Altstadt-Radlrings sowie schnellere Umsetzung von Radentscheid-Maßnahmen in der Erhardtstraße, Steinsdorfstraße, Widenmayerstraße, Reichenbachbrücke und als weitere Maßnahme der Umbau der Maximilianstraße.
  • In den Außenbezirken: bei Umbauten von vornherein sichere Radinfrastruktur, also baulich geschützte Radwege, mitplanen. Zügige Verbesserung der Schulweg-Qualität
  • Einrichtung von autofreien Schulbereichen und Schulstraßen direkt vor den Schuleingängen.
  • Ahndung von Falschparken auf Gehwegen, Abschleppen auf Querungen, insbesondere im Bereich von Schulen.
  • Tempo 30 innerorts

Alle Infos zu den Ergebnissen: Weiterführende Schulen
https://radwegplanung-muenchen.de/schulwegsicherheit-rund-um-weiterfuehrende-schulen/
Top 10: Die Positionen von 1-10  mit allen Zahlen finden sich in dieser Tabelle.
https://radwegplanung-muenchen.de/152-2-2-3/

Visualisierung der Ergebnisse auf einer Karte
https://t1p.de/hfxai

Alle Infos zu den Ergebnissen: Grundschulen
https://radwegplanung-muenchen.de/schulwegsicherheit-rund-um-grundschulen/

Top 10: Die Positionen von 1-10  mit allen Zahlen finden sich in dieser Tabelle.
https://radwegplanung-muenchen.de/152-2-2-2/

Visualisierung der Ergebnisse auf einer Karte
https://t1p.de/dcnbm

Visualisierung der Ergebnisse auf einer Karte mit Sprengel
https://t1p.de/ibliv

Hintergrund
Bundesweite Zahlen: Alle 20 Minuten wurde 2022 ein Kind unter 15 Jahren bei einem Verkehrsunfall verletzt oder getötet. Damit ist die Zahl der Kinder in Deutschland, die von Verkehrsunfällen betroffen sind, auf mehr als 25.800 gestiegen. Unter den sechs- bis 14-Jährigen sind die meisten Unfallopfer auf dem Fahrrad unterwegs (28 Prozent).

https://de.statista.com/infografik/30604/bei-strassenverkehrsunfaellen-verunglueckte-kinder-in-deutschland/
Im Jahr 2023 (vorläufige Ergebnisse) war die Zahl der im Straßenverkehr getöteten Kinder unter 15 Jahren leicht rückläufig, die Zahl der verletzten Kinder hat sich jedoch weiter erhöht.
https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Verkehrsunfaelle/_inhalt.html#238552

Weitere Quellen