
Das Stadtjugendamt ist mit einer steigenden Zahl von Inobhutnahmen von Kindern und Jugendlichen konfrontiert. Zudem steigt die Zahl komplexer Fälle mit hohem Unterstützungsbedarf. In der Folge wird es immer schwieriger, geeignete Schutzstellenplätze zu finden; Kinder und Jugendliche bleiben dort auch zunehmend länger. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, schlägt das Sozialreferat dem Stadtrat im Kinder- und Jugendhilfeausschuss am Dienstag, 9. Juli, eine Reihe von Maßnahmen vor: die Erprobung des Modells „Ambulante Zusatzhilfen“, die Intensivierung der Arbeit in den Schutzstellen durch zusätzliches Personal („Schutzstellenboost“) und die Zentralisierung der Schutzstellenplatzsuche und Begleitung von jungen Menschen in Schutzstellen, die durch die Leitstelle des Stadtjugendamtes durchgeführt werden.
Bürgermeisterin Verena Dietl: „Dass die Zahl der Inobhutnahmen bundesweit und auch in unserer Landeshauptstadt in den vergangenen Jahren gestiegen ist, liegt neben dem Anstieg der Zahl der unbegleiteten Minderjährigen, die bei uns Schutz suchen, in den politischen und gesellschaftliche Entwicklungen in unserem Land begründet. Nicht zuletzt sind es auch die Folgen der Corona-Pandemie, die hier sichtbar werden. Die bisherigen Maßnahmen, die Stadtjugendamt und Träger gemeinsam unternommen haben, reichen nicht aus, um die vorhandenen Schutzstellenplätze effektiver zu nutzen. Die Versorgungslage mit genügend Schutzstellenplätzen ist dauerhaft sehr angespannt. Deshalb müssen wir neue Maßnahmen ergreifen. Unser Ziel ist die Entspannung der Situation in den Schutzstellen, genauso wie die Entlastung der pädagogischen Fachkräfte in den Sozialbürgerhäusern und im Amt für Wohnen und Migration.“
Schutzstellenboost
Ziel der Maßnahme ist, die Aufenthaltsdauer in den Schutzstellen zu verkürzen. Durch Personalzuschaltungen im Gruppendienst soll mit den Kindern und Jugendlichen noch zielgerichteter gearbeitet werden, auch im Hinblick auf eine möglichst passgenaue Anschlusshilfe. Zudem soll die Aufnahmefähigkeit der Schutzstellen erhöht werden. Von der Aufstockung des Personals erhoffen sich Jugendamt und Träger, dass die Arbeit für alle Fachkräfte in der Einrichtung attraktiver wird, da die Dienste dann häufiger in Doppel- oder Dreifachdiensten abgedeckt werden können und dadurch besser auf die individuellen Bedarfe der Kinder und Jugendlichen eingegangen werden kann. Die Personalzuschaltung innerhalb der Schutzstellen soll bei den freien Trägern und beim städtischen Träger erfolgen. Ziel ist, dass sich möglichst viele Schutzstellen an dem Modellprojekt beteiligen, das drei Jahre ab Entgeltvereinbarung dauern soll. Der Start hängt von der Personalgewinnung der teilnehmenden Träger ab und soll so schnell wie möglich erfolgen.
Erprobung des Modells „Ambulante Zusatzhilfem“ (AZH)
Die ambulante Zusatzhilfe ist eine Ergänzung zum Schutzstellenaufenthalt. Das Angebot richtet sich an Familien, die notwendige Maßnahmen der Erziehungshilfe ablehnen oder ambivalent aufnehmen. Eine weitere Zielgruppe sind Familien, bei denen die familiäre Situation hinsichtlich einer möglichen Rückführung aus der Schutzstelle nur schwer eingeschätzt werden kann. Das sind oftmals Familien, die vor der Inobhutnahme eines Kindes/der Kinder nicht bekannt waren oder auch Familien mit kleineren Kindern. Die AZH arbeitet aufsuchend und hat einen Clearingauftrag. Ergänzend zu der Einschätzung der Schutzstellen soll so die federführende pädagogische Fachkraft im Sozialbürgerhaus weiterführende Informationen erhalten, um die Bedarfe des jungen Menschen und die familiäre Situation besser einschätzen zu können. Die AZH sollen zunächst mit drei Trägern für eine Modelllaufzeit von drei Jahren mit jeweils zwei Vollzeitstellen erprobt werden. Die Träger werden im Rahmen eines Interessensbekundungsverfahren ausgewählt.
Schutzstellenplatzsuche durch die Leitstelle des Stadtjugendamts
Die Zunahme von Inobhutnahmefällen und die steigende Komplexität der Fälle hat die bestehenden Strukturen und Ressourcen der Fachkräfte in den Sozialbürgerhäusern (SBH) und der Bezirkssozialarbeit im Amt für Wohnen und Migration stark an ihre Grenzen geführt.
Ab September 2023 wurde deshalb für fünf Monate vorübergehend eine Erweiterte Leitstelle für Inobhutnahmen (ELI) im Stadtjugendamt eingeführt. Dies führte zu einer wesentlichen Entlastung der operativen Kolleg*innen. Es hat sich gezeigt, dass eine spezialisierte und zentralisierte Unterstützung in akuten und komplexen Fällen äußerst hilfreich ist und dies auch von den Fachkräften der Basis als solche empfunden wurde. Deshalb soll dauerhaft eine zentrale Unterstützung in der bereits bestehenden bisherigen Leitstelle in der Abteilung Erziehungsangebote etabliert werden. Das gebündelte Wissen zu Schutzstellen und Jugendhilfeeinrichtungen, über welches die Leitstelle bereits verfügt, wird genutzt, um doppelte oder unnötige Anrufe zu vermeiden. Durch die Abgabe von diesen Aufgaben kann sich die zuständige pädagogische Fachkraft intensi- ver auf die nötigen Schritte während der Inobhutnahme konzentrieren. Die konkrete Platzsuche wird zeitgleich von den Spezialist*innen in der Leitstelle vorgenommen. Ziel ist, so die Zufriedenheit der Mitarbeiter*innen zu verbessern, die emotionale Belastung und den Zeitdruck in solch einer Krisensituation zu verringern und somit auf Dauer die Personalfluktuation zu reduzieren.
In der Landeshauptstadt stehen aktuell 140 Schutzstellenplätze für Kinder und Jugendliche zur Verfügung, hinzu kommen 45 Plätze im Landkreis München, die in hohem Maße durch das Münchner Stadtjugendamt, aber auch von anderen Jugendämtern belegt werden. Des Weiteren gibt es zirka 85 Plätze in Bereitschaftspflegen sowie 16 Plätze in der Notschlafstelle. Das Stadtjugendamt belegt darüber hinaus auch bayern- und deutschlandweit Inobhutnahmeplätze. Mit Stand Dezember 2023 gab es 183 laufende Inobhutnahmen in Zuständigkeit der Landeshauptstadt.